Wer hat das Licht ausgemacht?

An manchen Orten gibt es keine normale Tageslänge. Tromsø gehört zu einem dieser Orte. Es liegt auf 69° nördlicher Breite und somit über dem Polarkreis. Dementsprechend sind die Menschen hier sowohl mit dem Polartag als auch mit der Polarnacht vertraut. Auf dem 69. Breitengrad startet die Polarnacht offiziell am 27. November. Nicht mit einberechnet sind allerdings die Berge, die Tromsø umzingeln. Das heißt, dass es die Sonne schon ab dem 22. November nicht mehr über den Horizont schafft. Trotzdem ist es hier nicht die ganze Zeit dunkel – im Gegenteil: Jeder Tag hält eine neue Überraschung bereit. Vorgestern hat der Himmel geglüht. Er war feuerrot, circa vier Stunden, dann kam die Dunkelheit. Gestern war es bewölkt, sehr trist und windig. Und heute glich der Himmel einem Gemälde, das einen Verlauf von orange, über neonblau bis hin zu einem zarten pink darstellte.

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Die Menschen, die hier leben und dieses Phänomen jährlich miterleben, wissen, dass es keinen Grund zur Winterdepression gibt. Sie verabschieden die Sonne am Tag des letzten Sonnenuntergangs mit Gesang und dem Licht brennender Kerzen. Sie wissen vor allem auch, welche Naturspektakel sie in der Dunkelheit geboten bekommen. Ob es das kurze Aufleuchten des Himmels ist, welches einem langgezogenen Sonnenaufgang oder  -untergang gleicht oder die Nordlichter, die fast täglich sichtbar sind. Jeder Tag bringt neue Wunder, die man nur mit offenem Mund bestaunen kann.

Aber wie ist das eigentlich mit der Dunkelheit? Wie kommt ein Körper damit klar, wenn er nicht damit aufgewachsen ist? Wie ist es, jeden Tag weniger Licht zu bekommen? Inzwischen fühle ich mich in der Lage, das ein bisschen genauer zu beschreiben. Zwar fing die Polarnacht erst vor zwei Tagen an, trotzdem ist der Tag schon seit einem Monat ziemlich kurz. Als ich im August angekommen bin, konnte ich um 23 Uhr bei Tageslicht einkaufen gehen. Obwohl die Sonne irgendwann in der Nacht untergegangen ist,  wurde es nie ganz dunkel. Dies änderte sich ziemlich schnell. Im September waren die Tage relativ normal. Es wurde zur Schlafenszeit dunkel und zum Aufstehen hell. Jede Woche spürte man jedoch, dass die Dunkelheit auf einen zukommt, dass man sie nicht aufhalten kann. Es wurde wöchentlich circa 40 Minuten früher dunkel. Und jetzt bin ich hier. Es ist der 24. November, 12 Uhr und 41 Minuten. Der Himmel war schon lange nicht mehr so blau wie jetzt. In circa eineinhalb Stunden wird er schwarz sein. Um nicht um zwei ins Bett zu gehen und den Mittagsschlaf zu einem Nachtschlaf zu machen, gehört einiges dazu. Es gibt kleine Helferchen, auf die die Norweger*innen täglich zurückgreifen: Fischöl und Vitamin C. Zwar nehme ich diese beiden Dinge täglich zu mir, das Wichtigste erscheint mir allerdings der Kopf zu sein. Man darf nicht abschalten, sobald es dunkel ist. Man muss sich wach halten und sich sagen: Ok, es ist erst Mittag, ich muss jetzt noch lernen, einkaufen und erst dann darf ich schlafen.

Der Grund für diesen Beitrag liegt vor allem in den Fragen, die ich vor meiner Abreise ständig gestellt bekommen habe: „Aber ist es da nicht immer dunkel? Was machst du denn dort den ganzen Tag wenn du nicht mal Licht hast?“

Natürlich haben mich diese zweifelnden Fragen verunsichert. Groß Gedanken habe ich mir über diese Zeit des Jahres nicht gemacht. Ich war eher aufgeregt und neugierig, wie das ist, wenn die Sonne nicht mehr über den Horizont lugt. Wer hat schon das Privileg, den Übergang von Polartag zur Polarnacht in einer der schönsten Städte des hohen Nordens mitzuerleben? Nicht viele – und das wollte ich nutzen. Ich wollte meine Klimatologievorlesung live miterleben und nicht nur Bilder von der Sonne sehen, die nur noch zu einem Viertel über den Bergen auftaucht. Ich wollte den goldenen Oktober miterleben, der das goldene Licht nicht nur in den Nachmittagsstunden spendet, sondern den ganzen Tag über. Und jetzt will ich während meines letzten Monats hier lernen, die Sonne mehr wertzuschätzen. Bis jetzt funktioniert das ganz gut. Sonnenuntergänge sind schon auf dem 49. Breitengrad (Karlsruhe) schön anzuschauen und leicht zu genießen. Aber wenn der gelbe, orange und rote Himmel das einzige ist, was man am Tag zu sehen bekommt, gewinnt die Sonne eine ganz andere Bedeutung. Ich war noch nie so glücklich über einen relativ hellen Himmel wie hier. Vielleicht wird das meine Einstellung in Deutschland verändern. Vielleicht ist es danach nicht mehr ganz so selbstverständlich, dass die Tageslänge kaum variiert und man seinen Tagesrhythmus vergleichbar leicht aufrechterhalten kann. Vielleicht werde ich nicht mehr traurig, wenn die Tage langsam kürzer werden und die Dunkelheit überwiegt. Schließlich habe ich hier fast nur Dunkelheit. Aber das ist ok. Es gibt Headlights und Kerzen und auch Spikes, die man auf die Schuhe spannen kann, um weiterhin schöne Spaziergänge machen zu können – bei Dunkelheit und bei Glätte.

Ich habe mich in diesen Ort verliebt, in die krassen Lichtverhältnisse und das Ungewohnte. Ich wache jeden Tag mit einer Aufregung auf, die die meisten von uns wahrscheinlich nur an Weihnachten verspüren. Wie wird wohl der Himmel aussehen, wenn ich die Vorhänge öffne? Ist er blau, rot oder rosa? Wie sieht das Schimmern des Wassers heute aus? Ich habe einen Ort gefunden, an dem ich mich wie ein kleines Kind fühle. Als hätte ich meine Neugier nie ganz verloren und entdecke immer wieder neue, faszinierende Dinge, die erstmal unerklärlich scheinen.

 

 

 

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