Ein etwas anderer Reisebericht

Wenn man an einem Ort neu ist, kommt einem alles ungefähr vor. Ungefähre Landschaften, nicht genau definiert, neue Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Eine neue Welt eröffnet sich und man kann seinen Augen kaum trauen, weil man nicht wusste, dass die Natur so schön sein kann. Sonnenstrahlen, die durch die Wolken scheinen und vom Wasser reflektiert werden. Kleine Bäche, die sich ihren Weg in Richtung Fjord bahnen und Gestein, das über tausend Jahre alt ist und der Welt die schönsten Muster präsentiert.

Für Kathrine ist dieser Anblick normal. Sie ist die Protagonistin in Peter Stamms Roman Ungefähre Landschaften und lebt in einem kleinen norwegischen Dorf nördlich des Polarkreises. Obwohl sie als Zöllnerin am Hafen ihres Dorfes arbeitet und täglich die Hurtigruten nach illegaler Ware absucht, war sie noch nie südlich des Polarkreises. Sie hört Matrosen und Kapitänen zu, wie sie Geschichten von Spanien, Frankreich und den tropischen Breiten erzählen. Sie selbst ist allerdings gefangen in ihrem kleinen Dorf. Tromsø ist die einzige Stadt, die sie gesehen hat. Als allerdings ihre zweite Ehe scheitert, beschließt sie, mit der Hurtigruten in den Süden zu reisen und in Bergen einen Zug nach Dänemark zu nehmen, der sie zu einem Freund bringt, der dank seines Berufs in ihrem kleinen Dorf genächtigt hat.

Hurtigrouten Route
Die Strecke der Hurtigruten. Kathrine startete in Vadsø, ich in Tromsø. Quelle.
Und hier fängt mein Reisebericht an. Bevor ich dieses Buch gelesen habe, habe ich mit einer Freundin einen Kurztrip zu den Lofoten gebucht. Ich habe sie so lange überredet, bis sie das Geld für eine Fahrt mit der Hurtigruten (sprich: Hürtigrüten) opfern wollte. Über dieses Schiff wusste ich bisher nur, dass es ein Postschiff ist und irgendwie jeder damit reisen möchte. Während ich Ungefähre Landschaften las, habe ich mich immer wieder gefragt, was an einem dunklen, kalten, einsamen Schiff so toll sein soll. Mehr als ein Bett und die laute Maschinerie gebe es doch dort gar nicht, so mein ernüchterndes Fazit, welches ich aus diesem Buch gezogen hatte. Natürlich nicht mein einziges: Jeder sollte dieses Buch lesen! Jeder, der fühlen will, trotz nüchternem Erzählstil. Jeder, der die Polarnacht miterleben möchte, ohne sie mit eigenen Augen zu sehen. Stamm lieferte mit diesem Buch ein Meisterwerk, ohne alles zu genau zu beschreiben. Die ganze Handlung ist eine ungefähre Landschaft, unsicher und fragil.

Auf jeden Fall war mein Fazit bezüglich der Hurtigruten falsch. Das wurde mir das erste Mal bewusst, als Michelle (meine Freundin aus den Niederlanden) und ich um 23:45 Uhr am Hafen in Tromsø standen und die Hurtigruten beobachteten wie sie sich dem Hafen näherte. Mit jeder Sekunde wurde sie größer und mächtiger. Als sie vor uns stand konnten wir unseren Augen kaum trauen: MS Nordlys. Hier werden wir also die nächsten 17 Stunden verbringen.

hurtigruten bei nacht

Wir bezogen unsere kleine Kabine (ohne Fenster, ergo billiger) und stellten den Wecker auf 1:30 Uhr, damit wir das Ablegen mitbekommen und nicht verschlafen. Dieses war nicht allzu spektakulär, wie wir leider schnell feststellen mussten. Allerdings konnten wir in der Kabine so gut schlafen. Wir wissen bis heute nicht, ob es an dem dunklen Raum, dem leichten Schaukeln oder den Motorengeräuschen des Schiffs lag.

Den restlichen Tag verbrachten wir auf dem Deck, da das Wetter sehr gut war. Die Landschaft wurde schöner, je näher wir den Lofoten kamen. Es wurde ein Stopp im Trollfjord eingelegt. Das war der Ort, an dem ich realisiert habe, dass Wunder existieren. Ich kann es gar nicht in Worte fassen und das Bild bildet nur einen Bruchteil von dem ab, was ich wirklich gesehen habe.

Trollfjord
Sonnenstrahlen im Trollfjord
Um 18:30 Uhr sind wir endlich in Svolvær angekommen. Das Mietauto stand bereit und das richtige Abenteuer konnte beginnen. Unser AirBnB war in the middle of nowhere. Keine Häuser, keine richtige Straße. Nur Natur und Meer. Auf dem Weg dorthin konnten wir den für Stunden anhaltenden Sonnenuntergang aus dem Auto genießen. Kaum angekommen, wurden wir von starken Nordlichtern begrüßt, die über unseren Köpfen tänzelten. Ein Glück, dass unsere Vermieter einen Schalter an den Straßenlichtern eingebaut haben, um diese abzustellen. Zwar habe ich Nordlichter schon in Tromsø gesehen, aber im Vergleich zu den Nordlichtern auf den Lofoten waren die in Tromsø nichtexistent.

Aurora
Die grüne Lady über unseren Köpfen. Die ersten richtigen Nordlichter und der erste Versuch, diese mit der Kamera einzufangen.
Am nächsten Tag stand die erste Wanderung an (und die letzte wie wir am Tagesende beschlossen). Wir sind vom Weg abgekommen und mussten Felsen hochklettern, was uns insgesamt sieben, statt zwei bis drei Stunden gekostet hat. Wie immer war die Anstrengung es wert und wir wurden mit einem atemberaubenden Blick auf Strand, Meer und Berge belohnt.

Kvalvika Strand
Zuerst mussten wir zu diesem Strand wandern. Dies kostete uns circa eine Stunde. Erst danach konnten wir auf den Ryten ‚klettern‘.

View
Für den Ausblick hat sich die Mühe mal wieder gelohnt.

See
Manchmal ist mir der Rückweg lieber als der Aufstieg. Man sieht alles nochmal – nur aus einer anderen Perspektive.
Diesen Abschnitt widme ich all denen, die sich schon immer gefragt haben, wie diese ganzen Nature Instagrammer zu den schönen Bildern kommen. Antwort darauf ist: Es ist leicht solche Bilder zu machen. Sogar meine Handykamera hat das geschafft. Norwegische Häuschen sind unheimlich fotogen und sehen aus (fast) jeder Perspektive schön aus. Die letzten zwei Tage verbrachten wir damit, die Inseln zu erkunden und meine große Speicherkarte in der Kamera hat sich endlich ausgezahlt.

Hamnøy
Stopp 1: Hamnøy

Sakrisøya
Stopp 2: Sakrisøya

Reine
Stopp 3: Reine

A
Stopp 4: Å. In diesem Ort endet die Straße. Sie hört einfach auf – ohne Ankündigung. Der Süden der Lofoten ist erreicht.

Nusfjord
Stopp 5: Nusfjord. Überall auf den Lofoten findet man Kabeljau. In Form von Essen, oder auch toten Köpfen, die auf ein Restaurant hinweisen. Dies liegt daran, dass die Lofoten bis heute den größten Bestand an Kabeljau stellen.
Ich dachte immer, Tromsø und Umgebung sei wunderschön. Nach diesem Ausflug auf die Lofoten muss ich diese Aussage allerdings revidieren. Tromsø hat seine schönen Seiten, die Lofoten sind allerdings um einiges beeindruckender. Es fühlt sich an, wie eine andere Welt. Eine Welt voller steiler Berge, umzingelt von Wasser, dass sich nicht bändigen lässt und bunte Bäume, die auf den Bergen thronen.

Die Lofoten. Ich habe sie in der kurzen Zeit ins Herz geschlossen und werde definitiv zurückkehren. Die Gegend nördlich des Polarkreises – die Heimat Stamms Protagonistin und eine neue Welt für mich.

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