Wenn sich Fern- und Heimweh vermischen – Gedanken im Schnelldurchlauf

Amerika, Europa, Asien, Afrika, Australien und insgesamt 194 Länder, die man bereisen könnte. Einmal angefangen, kennt das Reisefieber keine Grenzen mehr. Ein bisschen europäische Luft geschnuppert, die nicht unbedingt deutsch ist und man möchte mehr sehen. Mehr Berge, mehr Meere, mehr Städte und mehr Seen. Eine Weltreise können nur wenige privilegierte Menschen in Angriff nehmen. Selbst die Reise in ein anderes Land bleibt der Mehrheit der Weltbevölkerung verwehrt.

Als eine der wenigen Menschen habe ich das Glück, andere Länder, Kulturen und Menschen kennenlernen zu dürfen. Die erste größere Reise war ein Interrail Trip durch Tschechien, Ungarn, Slowakei und Österreich. Die nächste große Reise wird die nach Tromsø sein. Beide Reisen haben jetzt schon etwas gemein, obwohl ich die eine noch gar nicht angetreten bin.

Der Entschluss, ein neues Land zu besuchen, ist immer das Aufregendste. Die Phantasie spielt verrückt, der Kopf rattert, die Planung wird in Gang gesetzt, letzte Besorgungen werden erledigt. Brauche ich Sonnencreme oder einen dicken Schal? Wird es oft regnen? Wie sind die Menschen? Was werde ich alles unternehmen können? Fernweh macht sich breit. Vor lauter Aufregung kann man sich nicht mehr auf den Alltag konzentrieren. Die Gedanken sind weit weg, der Körper will hinterher. Die Mitmenschen im eigenen Umfeld – Freunde, Familie, Bekannte – wissen nicht, was in einem vorgeht. Währenddessen rattert der eigene Kopf weiter und weiter, überschlägt sich vor Ideen, kommt nicht zur Ruhe. Schnell einen Reiseführer kaufen, die letzten Klausuren schreiben, sich letztendlich für den Schal statt für die Sonnencreme entscheiden. All das gehört zum Fernweh dazu. Man sehnt sich danach, endlich woanders zu sein. Man bereitet sich mental darauf vor und die Zeit vergeht im Schneckentempo. Fernweh ist aber auch, zu wissen, dass man längere Zeit nichts anderes als das eigene Zimmer und die Heimatstadt sehen wird. Auch hier wird phantasiert- über ferne Orte – keinen konkreten Ort. Die Orte ändern sich mit der Zeit, man liest mal Artikel über Mexiko, Island, Kanada, Portugal. Man versucht das Fernweh mithilfe von Phantasien zu stillen, die vermutlich nicht so bald in Erfüllung gehen werden.

Phantasien spielen aber auch bei dem Gegenbegriff des Fernwehs eine Rolle: Beim Heimweh. Eigentlich dachte ich immer, dass Fern- und Heimweh getrennt auftauchen. Heimweh beschreibt die Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, nach den Freunden, der Familie und alles was zu ihr gehört. Heimweh hat man also dann, wenn man sich gerade nicht zu Hause aufhält. So zumindest der Grundgedanke.

Vor jeder Reise beschleicht mich jedoch ein mulmiges Gefühl. Wenn der Kopf sich plötzlich nicht mehr von den wunderbar positiven Vorstellungen lenken lässt, sondern sich auf die Sorgen konzentriert. Was, wenn es dort doch nicht so gut ist, wie ich es mir davor ausgemalt habe? Was, wenn ich wichtige Sachen vergesse? Vor jeder Reise dasselbe: War es ein Fehler? Plötzlich vermischt sich Heimweh mit Fernweh. Es ist doch alles gut zu Hause, warum muss ich ausgerechnet jetzt weg? Gleichzeitig aber noch immer das Verlangen danach, etwas Neues kennenzulernen. Eigentlich sind solche Ängste irrational. Schließlich hat man sich bewusst für das Weggehen und Entdecken eines neuen Landes entschlossen. Kurz vor der Abreise lernt man aber meistens – so ist das zumindest bei mir – sein Umfeld besser schätzen. Jede Minute mit Freunden und Familie ist kostbar. Für ein paar Monate wird man sie nicht mehr sehen.

Heim- und Fernweh sind keine getrennten Gefühle. Sie können zeitgleich auftreten und den Kopf immer weiter rattern lassen, bis man nicht mehr denken kann. Sitzt man im Flugzeug oder in der Bahn ist es wieder gut. Das Fernweh überwiegt, die Gefühle sind wieder separiert und der Kopf sortiert sich langsam, rattert wie gewohnt weiter.

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