Entscheidungen und die Angst vor der verschwendeten Zeit

Unser Leben ist geprägt von Entscheidungen. Täglich müssen wir welche treffen und uns für die beste Möglichkeit entscheiden. Entscheidungen können unterschiedlich schwer sein. Was sie allerdings alle gemeinsam haben ist, dass sie über einen bestimmten Zustand in der nahen oder fernen Zukunft bestimmen. Sie bestimmen darüber, ob wir etwas bereuen oder nicht. Ob wir später denken, wir hätten die Zeit besser nutzen können oder zufrieden mit der Situation sind.

Doch warum müssen wir überhaupt täglich Entscheidungen treffen? Warum müssen wir uns aktiv für oder gegen etwas entscheiden? Nun: Barry Schwartz führt das auf unsere westliche Gesellschaft zurück. Hier gilt es, das Gemeinwohl zu maximieren, das wiederum bedeutet, die Freiheit zu haben, aus verschiedenen Möglichkeiten zu wählen. Und diese Freiheit erlangt man natürlich – so unsere Gesellschaft – durch die Maximierung von Wahlmöglichkeiten. Freiheit bedeutet also zwischen 20 verschiedenen Soft Drinks wählen zu können, in der Eisdiele eine Theke mit 50 Sorten vor sich zu haben und bei der Wahl des Studiums vor einem 656 Seiten starken Studienführer der Bundesagentur für Arbeit zu verzweifeln. Natürlich muss man sich bei dieser Auswahl für etwas entscheiden. Schließlich kann niemand auf einmal alle Studiengänge ausprobieren, genauso wenig wie 50 Kugeln Eis auf einmal essen – wobei es bei letzterem bestimmt Menschen gibt, die das ab und zu gerne machen.

Bei diesen Beispielen wissen wir intuitiv, dass es einem selbst vermutlich schwieriger fallen wird, sich für ein Studium zu entscheiden als für eine bestimmte Eissorte. Schließlich handelt es sich bei einem Studium um etwas Langfristiges: Man möchte nicht anfangen zu studieren, um sich nach zwei Semestern wieder umentscheiden zu müssen. Beim Eis essen hingegen kann man sich am nächsten Tag noch immer für eine andere Sorte entscheiden. In beiden Fällen müssen wir allerdings Verantwortung für die Folgen übernehmen. Niemand kann uns eine so wichtige Entscheidung wie die eines Studiums abnehmen. Solche Entscheidungen, bei denen uns niemand wirklich helfen kann, fallen uns besonders schwer. Wir können nicht darauf vertrauen, dass unsere Freund*innen perfekt einschätzen können, welches Studium am besten zu uns passt oder welche Eissorte uns am besten schmecken wird. Da wir uns dieser Verantwortung bewusst sind, können wir uns schnell überfordert fühlen. Wir haben Angst vor solchen Entscheidungen, da wir die Folgen mancher Entscheidungen nicht so leicht rückgängig machen können. Wir selbst waren diejenigen, die uns für oder gegen etwas entschieden haben und müssen nun damit leben.

Im Nachhinein sind wir entweder zufrieden oder unzufrieden mit unserer getroffenen Entscheidung. Heutzutage trifft allerdings öfter die Unzufriedenheit ein. Sobald wir eine Auswahl getroffen haben, können wir theoretisch feststellen, dass das Ergebnis doch nicht so einwandfrei ist wie in unseren Vorstellungen. Unsere Erwartungen sind so hoch, dass der letztendliche Ausgang unseres Entscheidungsfindungsprozesses uns meistens nicht überzeugt. Wir hadern mit unserer Wahl und denken an die weiteren 500 Möglichkeiten, die wir nicht wahrgenommen haben. Vielleicht wäre ein anderer der circa 18000 Studiengänge in Deutschland doch passender für mich gewesen? Sobald wir uns Fragen wie diese stellen, wissen wir, dass wir unsere Wahl bereuen. Wir bereuen es, die „falsche“ Entscheidung getroffen zu haben und sehen gar nicht mehr objektiv, dass unsere Wahl gar nicht so schlecht war. Wir denken an die vielen Vorteile der anderen Studiengänge und sehen gar nicht mehr die Vorteile des eigenen. Plötzlich glauben wir uns in einer Situation gefangen, die wir als Zeitverschwendung sehen. Wie wäre es wohl gewesen, doch etwas anderes zu studieren? Wir bereuen unsere Entscheidung und denken uns: Das hätten wir besser machen können. Wir alleine sind für den jetzigen Zustand verantwortlich. Doch das sollten wir nicht einfach so annehmen. Nicht alleine wir sind daran schuld, unzufrieden mit einer Entscheidung zu sein. Auch unser Umfeld trägt dazu bei: Die Politiker, die Hochschulen, die Supermärkte und die Eisdielen sind mit Schuld an unserer kleinen oder auch großen Misere. Müssten wir nicht zwischen Millionen Optionen entscheiden, würde uns der ganze Prozess auch nicht so schwerfallen und nach abgeschlossenem Prozess hätten wir nicht die restlichen 999 Tausend Wahlmöglichkeiten vor uns liegen, von denen wir überzeugt sind, dass eine dieser Möglichkeiten besser als unsere Wahl gewesen wäre. Unsere Erwartungen wären niedriger, da wir nicht der festen Überzeugung wären, dass es unter den Möglichkeiten wirklich die eine perfekte gibt. Wir würden uns vielleicht sogar mit dem zufriedengeben, für das wir uns entschieden haben.

Die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen kann lähmen. Sie erschwert uns unsere Entscheidung und lässt uns Stunden, Tage, Wochen und Monate grübeln. Die Angst vor der verschwendeten Zeit kann vor und nach der Wahl auftreten. Vor der Wahl ist sie ein Teil der Abwägung. Ist es Zeitverschwendung X statt Y zu studieren, weil mich X zwar interessiert, aber die Jobmöglichkeiten mit Y besser sind? Nach der Wahl steht die Zeitverschwendung in direkter Verbindung mit dem Bereuen der Entscheidung. Wir halten unsere jetzige Situation für nicht perfekt und denken uns, dass eine andere Wahl besser gewesen wäre. Mit einer anderen Wahl würden wir jetzt keine Zeit verschwenden, wir würden das „Richtige“ für uns machen.

Von solchen Gedanken müssen wir uns freimachen. Wir sollten uns bewusstwerden, dass wir Gründe hatten, eine bestimmte Entscheidung zu treffen. Keine andere Alternative konnte uns so überzeugen, wie die, die wir letztendlich gewählt haben. Warum also die Entscheidung bereuen, bloß weil man sich in der Situation kurz doch nicht so gut fühlt. Unsere Erwartungen sind hoch, vermutlich könnte keine der Tausend Optionen sie erfüllen. Vielleicht sollten wir einfach glücklich und stolz auf uns sein, da wir uns für eine Option entscheiden konnten und nicht schon an der Auswahlvielfalt gescheitert sind.

 

Falls Dich Barry Schwartz’s Forschung interessiert, kannst Du hier seinen spannenden TED Vortrag über Entscheidungsfindung anhören.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s